
Brunlein 1928 |
Meine Mutter, 3 Brunhild ("Brunlein"
nannte sich Barbara und wollte nicht Brumhilde heißen),
geb. Vollmer, kam aus Königsberg, also aus Ostpreußen.
Das war ihr auch wichtig, und wir hatten in Bonn lange einen
Königsberger Stadtplan im Wohnzimmer an der Wand hängen.
Auch hatte sie Kontakt zu alten Klassenkame- radinnen und einer
alten Lehrerin.
Gerne ging sie in einem der zahlreichen ostpreußischen
Seen baden, und es war wohl für damalige Verhältnisse
etwas kitzlig, wo und wie man sich umziehen konnte. Zum Glück
gab es am Ufer Schilf genug.
Wohl nach der Schule verstaute sie mit
anderen "Arbeitsmaiden" Heu in einer Scheune, das von
einem modernen Gebläse sehr gut hochgeblasen wurde. Vom
Arbeitsdienst hat sie viel erzählt; leider weiß ich
vieles nicht mehr. |

... und 1938 |
Was ich schon noch zu wissen meine, ist,
daß sie einige Zeit lang deutschen Verwundeten, die in
Lazarettzügen in die Heimat gebracht wurden, bei Zwischenstops
zu essen brachte.
Als das Donnern der russischen Kanonen zu laut wurde, wurden
die Arbeitsmaiden, ziemlich in letzter Minute, aus dem Memelland
nach Westen evakuiert. Nicht jedermann war der Meinung daß
soetwas notwendig sei. So hörte sie etwa: "Im letzten
Kriege habe ich meinen Frau mit der Kuh über den Russtrom
(ein Memelarm) geschickt, vollkommen unnötigerweise. Diesmal
werde ich klüger sein."
Zu Weihnachten kam sie dann nochmal in
letzter Minute nach Ostpreußen zurück, das sie nur
noch unter Schwierigkeiten verlassen konnte; der Zug kam kaum
noch weiter und mußte ein Stück der Strecke sogar
vor- und zurückfahren.
Ihre Kindheit verbrachte sie teilweise in Ponarth in der Nachbarschaft
von Munitionsfabriken. Auch nach Tilsit zog die Familie, weil
ihr Vater 6 Eugen Vollmer dort beim Zoll arbeitete. Dort auf
der Memel wurde viel Holz geflöst. Auch Eugen Vollmers Schwager
Fritz Zeeb arbeitete in Tilsit beim Zoll. Er war der Vater meiner
(lange) Lieblingstante Pitha (Roswitha Weindel).Zur Zeit ihrer
Geburt wohnte sie wie meine Mutter in der Barbarastraße
in Ponarth; es mag sein, das meine Mutter hier auf die Idee gekommen
ist, sich Barbara zu nennen. Wir besuchten die Familie Weindel
oft in Frankfurt (Römerstadt), denn das war nicht allzuweit
von meinen Großeltern, wo ich oft zu Besuch war.
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li: meine Mutter 1941 mit ihrer Cousine
Roswitha Zeeb, wohl in Königsberg/Pr.
re: 1958 zur Taufe von "Pi- thas"
ältestem Sohn Martin, v. re. Fritz & Lies Zeeb, Klaus
& Roswitha Weindel, meine Eltern, li. & sitzend die Eltern
Weindel.
Meine Mutter kannte ihre Cousine Pitha
gut, sie waren befreundet, ja, fast eine Art Ersatzschwestern. |
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Beide waren Einzelkinder, sie wurde meine Patentante und wir
haben noch heute, wo sie schon eine ganze Weile Großmutter
ist, guten Kontakt miteinander. Ihre Kinder sind Martin, Constanze
(verh. Spitz) und Tilmann. Beide Söhne sind Ärzte,
Constanze ist Lehrerin und Tilmann spielt Bassgitarre. Der Name
Pitha stammt von ihr selbst; Pitha nannten sie sich, als sie
noch zu klein war, um Roswitha aussprechen zu können.
Zur Zeit von "Pithas" Geburt wohnten die Familien Vollmer,
meine Großeltern, und die Familie Zeeb, mein Onkel Fritz
und meine Tante Lies, in der Barbarastraße in Königsberg-Ponart,
einem Industrievorort, der von Munitionsfabriken und einer Brauerei
geprägt war..
Oft wohnten meine Mutter und ihre "Fastschwester" Pitha
nahe beieinander; schließlich waren ihrer beider Väter
Zöllner. Dies war sowohl in Königsberg als auch in
Lötzen an der Memel der Fall, und nach dem Krieg einfach
deshalb, weil ihre Mütter, die schließlich Schwestern
waren, beide nach Walsrode geflüchtet waren.
Tante Pithas Eltern, mein Onkel Fritz und meine Tante Lies (Zeeb)
zogen kurz nach Tante Pithas Geburt nach Raudzen bei, und ungefähr
ein Jahr danach, direkt nachTilsit in in den selben Block, in
dem auch meine Mutter wohnte. Diese besuchte hier die Grundschule
und einige Jahre das Gymnasium, die Luisenschule. Zeebs zogen
nach groß Blumenau und Onkel Fritz nacxh Berlin, wo er
die V2 zu entwickeln half.
Ich erinnere mich an eine Geschichte, wo ein Tischler - ich weiß
nicht einmal, ob von meinem Großvater oder seinem Schwager,
meinem Onkel Fritz - davor gewarnt wurde, geschmuggelten Schnaps
zu trinken. Daraufhin sagte er in schönstem Ostpreußisch
etwa, zur Not könne er auch Beize trinken (wahrscheinlich
war es keine Beize, sondern etwas wenigstens zur Not halbwegs
Trinkbares). Meine Mutter machte den ostpreußischen Tonfall
sehr gerne nach, wenn sie die Worte des Tischlers erzählte.
Es war ein frecher Spruch...
Meine Mutter las schon während der Schulzeit viel und ging
gerne ins Theater. Bisweilen ging ein junger Mann; ein Nachbar,
Bekannter oder so mit und begleitete sie nach Hause. Sie u nterhielten
sich so gut, daß sie ihn danach ebenfalls nach Hause brachte.
Einmal wollte sie beim Rückweg vom Theater die Schuhe schonen,
und zog sie aus. Leider war es Winter.
Aber auch über Rotz konnte meine Mutter eine sehr interessante
Geschichte erzählen; und auch sie spielt im Winter. Der
war in Ostpreußen lang und hart, was nicht nur die Voraussetzungen
fürs Schlittschuhlaufen verbesserte.
Es war also Winter in Königsberg, und meine Mutter war auf
dem Nachhauseweg von der Schule, als sie hörte und sah,
wie ein Mann sich die Nase schneutzte. Zeit, um darauf zu achten,
hatte sie genug; sie wollte eine Bahnlinie überqueren und
mußte warten, weil die Schranke unten war; und siehe da:
Der Rotz landete auf der Schranke und gefror.
Die Winter waren lang in Königsberg, meine Mutter konnte
monatelang prüfen und sich vergewissern, daß der Rotz
noch auf der Schranke klebte. Wochen und Monate fuhr sie mit
ihrer Hand über die Schranke, um den Hubbel spüren
zu können, von dem sie wußte: Das ist der Rotz. Diese
Gelegenheit nutzte sie gerne, jeden Tag.
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Nach ihrem Abitur an der Hufenschule
im Februar '44 war sie ab dem 15. 3 1944 beim RAD (Reichsarbeitsdienst)
in Mädewals (genannt. Maidenwald) im Memelland. Nach dem
Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte mußten die Maiden
Ende August fliehen. Ein Lehrer dort meinte: Ich schicke nur,
wie im ersten Weltkrieg, meine Frau über den Russtrom. Um
nicht zum Kriegshilfdienst zu müssen, ging sie noch auf
die Führerinnen- schule in Schloß Düsterthal
(ehemal. Schloß der Hardenberg).
Von ihrer Flucht konnte sie auch so einiges erzählen, was
passieren kann, wenn Frauen sich in schon - wenigstens vermeintlich
- verlassenen Bauernhöfen waschen, und wie sie ein Stück
aufauf einem Wehrmachtslastwagen mitge- nommen wurde, ein entgegenkommender,
ich glaube, sie sagte englischer Panzer drehte ab, als seine
Besatzung die Frauen auf dem Lastwagen entdeckte. |
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Hier füge ich mein Protokoll Mutti
Flucht und Nachkrieg ein; das zugrunde liegende Gespräch
führte ich kurz vor ihrem Tode mit ihr:
- Feb. 44 Abitur
- Ab 15. März RAD (Reichsarbeitsdient) in Mädewald
bei Heydekrug (Memelland), genannt "Maidenwald". Die
Bauern ließen nichts auf die Arbeitsmaiden kommen (Sie
trinken nicht, sie rauchen nicht, sie lieben nicht, sie schreiben
nur Feldpostbriefe). Außeneinsätze auf wechselnden
Höfen.
- Aug. ´44; Nach dem Zusammenbruch der Heeresgruppe MitteVorwarnung,
Kanonendonner von Weitem, 12 Std. Ernteeinsätze am Tag,
z. Teil modernes Gerät (Gebläse). Eines Morgens Ende
August Aufbruch, Gepäck in Wolldecken genäht, per Lastwagenj
nach BHF Tilsit. Der Lehrer: Ich schicke wie im 1. Weltkrieg
nur die Frau mit der Kuh über den Russtrom.
- Ins Lager Zande?-Belzig im südl. Brandenburg, fast Sachsen,
ca. 3 Wochen bis Ende RAD-Pflichtzeit.
- Um nicht zum Kriegshilfsdienst (Flak oder Munitionsfabrik)
zu müssen, auf die Führerinnenschule: 1 Monat Schloß
Düsterthal ??? (ehem. Schloß der Hardenberg), Anf.
Okt. - Anf. Dez. ´44, guter Kurs in Hauswirtschaft.
- Nochmal trotz drohender Vorzeichen 3 Wochen in ein Lager bei
Königsberg (Weihnachten zuhause), zuletzt in Domnau.
- Ca. 20. Jan. vom Bahnhof, wo Mutti wegen eines Besuches bei
einer befreundeten Lagerführerin war, ausgerufen und zurück:
Abmarschbefehl. 10 Tage im Zug hin und her, 30. Jan. Ankunft
in Uckermünde.
- In der Lüneburger Heide Feb. ´45 in andere Lager
reingestopft, erst bei Uelzen bis März, bei Salzwedel 2
- 3 Wochen. Andere Mädchen "laufen zu den Ostpreußen
über", Soldaten drängen auf Lagerauflösung,
also Lebensmittel verteilt.
- Auf Wehrmachtslastwagen Anf. Apr. Nach Melldorf in Süder
- Dithmarschen zur Familie einer befreundeten Führerin.
- 2 - 3 Monate ins Hospital Schafstett, erst putzen, dann KZ
- Jüdinnen aus der bombardierten Arcona (Schiff) pflegen.
Oma kommt. Als Bienenkorb-Begleiterin über den Kanal.
- Walsrode 2 J Aug / Sept ´45 - ´47. Oma seit Frühj.
´45 Tante Lies auch da, Opa seit Frühj. ´46
da.
- Nordhorn / Ffm Arbeit bei KreisVw. Grafsch. Bentheim, Disk.
mit Engländern, Gem. Chor, trinken /spucken.
- (Groß)Eltern ? Wiesbaden ´51 / ´52, Arbeit
beim Zoll
Beeindruckt war sie, als sie hörte, daß der Krieg
vorüber sei. Ich glaube, da saß sie auf einer Wiese
und sie hörte es aus dem Radio. "Unglaublich",
so ähnlich dachte sie, "Nun ist der Krieg vorbei. Jetzt
wird nicht mehr geschossen, und niemand stirbt mehr." Dies
erschien ihr unvorstellbar.
Aufgrund der Uniform, die sie trug?, wurde sie von den Engländern
gefangengenommen - schließlich war sie auf der Führerinnenschule
gewesen - und in das Lager Heide (Holsten) gebracht, wo sie TBC-Kranke
und Jüdinnen pflegte, deren Schiff von den Alliierten in
der Ostsee versenkt worden war. Schließlich wollte sie
ja Ärztin werden, und hatte bis da nur verwundete Soldaten
versorgt, deren Züge gerade in Königsberg gehalten
hatten. Sie pflegte auch die Frau eines Königsberger Arztes.
Das Lager Heide war sehr groß; es umfaßte etliche
Dörfer, sodaß die Zivilisten, die dort wohnten, mitgefangen
waren. Der Stacheldrat ging um sie alle herum.
Doch schließlich wurde sie von ihrer Mutter gefunden und
nach Walsrode mitgenommen, was schon wegen des Nord-Ostsee Kanales,
der eigentlich von Deutschen nicht überquert werden durfte,
(das Land nördlich des Kanales war nicht besetzt) nicht
einfach war. Tante Lies half Omi suchen; wochenlang brauchten
die beiden Frauen dafür, und mußten teilwiese viele
Kilometer weit gehen dazu. Über den Kanal schafften sie
es als angebliche Bienenkorb-Begleiterinen.
Nach Walsrode, wohin sie ihre Mutter mitgenommen hatte, und wo
ihre Mutter und Tante Lies seit dem Frühjahr '45 lebten,
kam ihr Vater Frühjahr '46 aus US-Gefangenschaft. Daß
er überhaupt zurückkommen würde, war da schon
klar; schließlich hatte es seine Familie aus Postkarten
erfahren, oder sie hatte sogar einen Brief von der Wehrmacht
erhalten.
Er bekam sehr früh wieder eine Arbeit als Zöllner,
in Nordhorn, da er nie in der Partei gewesen und als ¼-
Jude diskriminiert worden war. Meine Mutter arbeitete in Nordhorn
für die Kreisverwaltung und hatte damit auch oft mit der
Besatzungsmacht England zu tun. Sie bekam, so glaube ich, dabei
Lust, Jura zu studieren, was sie später in Frankfurt tat.
Den Engländern gab sie bei Diskussionen im Rahmen der "reeducation"
Widerworte. Die Einheimischen konnten sich mit dem Besatzern
einfacher und erfolgreicher verständigen: Sie sprachen Platt
mit ihnen. Meine Mutter soff bisweilen bis zum Spucken. Ich glaube,
in Nordhorn kauften ihre Eltern die ersten Möbel, z. B.
einen Wohnzimmerschrank, ein Meisterstück, das ich heute
noch besitze und als Bücherschrank nutze.

meine Eltern (re.) mit Motorroller
ca. ´52 |
Sie liebte Frankreich und fuhr auch
hierhin. Im Zusammenhang mit einer Frankreichreise, bei der sie
meine Tante Nora kennenlernte, und durch derenVermittlung - Nora,
die erste Frau meines Onkels Wolfgang Gruner, lud sie, und "ganz
zufällig" auch den Bruder von Wolfgang, zum Essen ein
- lernte sie dann 2 meinen Vater kennen; der wohl bis dahin meist
hinter seinen Büchern gehockt hatte. Meine Eltern wurden
schlichtweg "verkuppelt".
So nötig wie angeblich mein Vater
hätte sie das wohl nicht gehabt. Wie ich hörte, war
sie geflegt, sehr gut gekleidet und hatte genug Verehrer. Überigens
gab sie dann ihre juristische Ausbildung nach dem ersten Staatsexamen
auf und arbeitete, damit wenigstens einer verdiente und mein
Vater sein Studium schnell und problemlos abschließen konnte.
Studiert hatte sie in Frankfurt, wie auch
ihre Cousine, meine Tante Pitha. Diese studierte von 1951-1954
in Frankfurt an der Modeschule Modegrafik und machte ihr Diplom,
und dann zeichnete sie, weil sie keine Arbeit fand, Trickfilme.
Ihren späteren Mann, meinen Onkel Klaus, lernte sie als
Statistin an den Städtischen Bühnen Frankfurt kennen. |
Neben ihrem Studium arbeiten mußte
aber auch meine Mutter, während des Semesters z. B. über
den Studentenschnelldienst in der Frankfurter Messe, und während
der Semesterferien bei der Kreisverwaltung Nordhorn. Später
tippte sie für einen Verlag (Merian?) und arbeitete wohl
auch für das Frankfurter Senkenbergmuseum, dessen Hefte
"Natur und Museum" sie bis an ihr Lebensende bezog.
In Bonn war meine Mutter als Presbyterin
aktiv und sollte wohl für eine bundesweite Kirchenfunktion
aufgebaut werden, was sie dann aus gesundheitlichen, mir nicht
so ganz erfindlichen Gründen doch nicht machte. Jedenfalls
fuhr sie oft zu Kirchentagen in Ostberlin. Außerdem war
sie ein paar Jahre Schöffin.
Nach dem Tode meines Vaters fuhr sie noch nach Südfrankreich
in Urlaub, dann wurde sie krank; sie bekam einen Hirntumor.
Ich fuhr sie zu meiner Schwester Susanne nach Gravenbruch (bei
Frankfurt), die sie - Ärztin, die sie ist - besser pflegen
konnte, als ich das gekonnt hätte. Bald war sie nur noch
im Rollstuhl mobil. Sie starb, als gerade niemand im Hause war.
Meine Tante Pitha meinte jetzt, im Herbst 1996, sie vermisse
sie oft, so, wie sie eine Schwester vermissen würde. Auch
hätten meine Eltern wirklich immer eine vorzügliche
Ehe geführt.
Meine Mutter ca. 1972 im Wohnzimmer.
Die ganze Wohnung war voller Bücher. |
|
Meine Urgroßeltern Vollmer, und mein
Großvater ~ 1893 & ~1897, hier schon in Uniform
|
Wenige Monate nach dem Tode meiner
Mutter wurde dann Nicolai geboren, aber das erlebte sie nicht
mehr; genausowenig wie ihre Eltern. Mein Großvater 6 Eugen
Vollmer war nun schon lange tot und hatte selbst Claudia nie
kennengelernt.
Über seine Familie wußte und weiß ich wenig,
nur das, daß er aus Berlin kam, Verwandte eine Tischlerei
oder Schreinerei hatten und daß er als Kind im Berliner
Militärwaisenhaus lebte. Hier gab es einmal im Jahr eine
Art Parade oder Vorführung der Waisen für Mitglieder
der Kaiserfamilie, die das Waisenhaus besuchten und den Waisen
etwas Leckeres zum Essen mitbrachten. Wir waren einmal in Ferien
an der Ostsee, als eine Kaisertochter ihre Bücher in einem
Buchladen vorstellte. Meine Mutter sprach sie auf die Besuche
im Militärwaisenhaus an und die Kaisertochter lachte und
meinte, daran könne sie sich gut erinnern. Die beiden unterhielten
sich ein paar Minuten, und noch heute habe ich das signierte
Buch.
Auch von einer Tanteaus seiner Verwandtschaft, ich glaube, sie
hieß Bettie, habe ich gehört. Vor allem von ihren
großen Brüsten, die sie über die Stuhllehne hängte,
wenn sie den Stuhl an den Tisch heran schieben wollte.
Ich glaube, daß eine Geschichte erzählt
wurde, die Familie sei ursprünglich aus Österreich
gekommen, aber vor langer Zeit wegen ihrer Konfession von dort
vertrieben worden.
< Szene im Militärwaisenhaus
(Ausschnitt), Opa wo? |
Inzwischen habe ich von meiner Tante Pitha
erfahren, daß mein Großvater selbst dann, wenn er
gewollt hätte, nicht in die NSDAP hätte eintreten können:
Er war 1/4-Jude, über seinen Großvater Lindemann.
Was ich auch von ihr erfahren habe, ist, daß die Vamilie
Vollmer gut angesehen war, und daß mein Großvater
im Waisenhaus viel zu leiden hatte. Er wurde geschlagen und bekam
zuwenig zu essen. Seine Mutter wollte ihn eigentlich aus der
Anstalt heraus zu sich nehnmen, doch die Familie verhinderte
dies.
Er wurde zum Feuerwerker ausgebildet (wohl nur bis zu einem ersten
Examen, sodaß er später nicht so, wie sein Schwager
Fritz, als Ingenieur arbeiten konnte), war wohl auch, wie dieser,
im 100.000-Mann-Heer.und danach Zöllner, deswegen arbeitete
er viel später auch in der OFD Frankfurt, traf sich aber
auch noch mit Feuerwerkern in einem Verein, dessen Gründung
er angeregt hatte. In Königsberg, in Ponarth arbeitete er
auch als Feuerwerker. Tilsit, wo die Familie(n) ein paar Jahre
lang lebte(n), lag ja immerhin an der Grenze. Hier arbeiteted
er als Zöllner.
6 war also Beamter, und deshalb wurde
zur Bekämpfung der Inflation sein Gehalt vermindert (ich
habe daran ja schon oft gedacht, und gerade jetzt kommt mir dazu
der Ausdruck "Brüningsche Notverordnung" in den
Sinn.) Damals war Eugen Vollmer noch beim Heer. Ein paar Jahre
später, als er dann bei Zoll war und hier ein normales Gehalt
bezog, waren die Nazis an der Macht, jede Beförderung war
ihm verwehrt, weil er nicht Parteimitglied war. Er wollte oder
konnte sogar auch nicht hinein, die Familie Vollmer mußte
lange mit einem ziemlich bescheidenen Einkommen auskommen.
Wo mein Großvater jedoch hineinmußte, das war im
zweiten Weltkrieg die Wehrmacht. Er diente in Frankreich, ich
glaube in Paris als Besatzungssoldat - der allerjüngste
war er da ja schon nicht mehr, und ich habe nie von Kämpfen
gehört, an denen er teilgenommen hätte. Nach der Invasion
der Aliierten jedoch wurde er schon nach Kämpfen von den
Amerikanern, gefangengenommen. Er kam so rund und dick nach Walsrode,
wie er nie vor- oder nacher aussah. Unvorstellbar für die
Familie, die schwer hungern mußte.
Leider kann ich keine weiteren Angaben
machen. Na klar, ich weiß, er arbeite lange in der Oberfinanzdirektion
in Frankfurt, und ich habe versucht, seine wichtigsten Personalakten
wenigstens als Kopie zu erhalten. Aber leider waren diese Akten
schon vernichtet; wäre ich nie drauf gekommen. Opa
Frankeichr ca. 1943, in der Mitte > |
|
Meine Großmutter ging jedenfalls einmal im ostpreußischen
Winter barfuß vom Tanz nach Hause, um ihre Schuhe zu schonen.
Einmal hat sie aus Versehen Geld verheizt, oder befürchtete
jedenfalls, dies getan zu haben. Ähnlich ging es ihr im
zweiten Weltkrieg mit Kleiderkarten; zum Glück waren die
dann doch zu finden.
Meine Großeltern 6 u. 7 tanzten
gerne, jedenfalls als sie noch in Ostpreußen wohnten. 7
nahm ihren Büroschlüssel, ich glaube, von der Stadtverwaltung
Königsberg, mit auf die Flucht.. Sie, Martha, geb. Pudellek,
kam aus Lötzen. Sie hatte zwei Schwestern, meine (Groß-)
tanten Hella und Lies, sowie einen Bruder Otto, von dem ich nur
gehört habe. Nach ihrer Flucht und dem Leben in Nordhorn
und Walsrode lebten sie bis zum Tode meines Großvaters
in Frankfurt nahe der OFD (Oberfinanzdirektion). Die war vom
Balkon ihrer Wohnung in der Malapertstr. 22 aus gut zu sehen.
Wie oft waren Susanne und ich dort zu Besuch! Danach zog meine
Oma in die Mittelstraße in Bonn-Bad Godesberg. Hier starb
sie auch, ein T-Shirt von mir, das sie zum Trocknen aufhängen
wollte, in der Hand.
Meine Großeltern Eugen &
Martha Vollmer ca. 1972 |
 |
Ich sah sie noch auf einem Sessel im Wohnzimmer
"sitzend". Ihre Möbel verkaufte ich großteils;
nur ihren Wohnzimmer- schrank benutze ich noch. Ihre Wohnung
mußte ja leer werden, und ich konnte jede Mark gut gebrauchen.
Tante Hella ging früh in den Westen und hatte meine Tante
Gisela als Tochter. Diese hatte zwei Kinder, die ich kannte,
und die beide nicht mehr leben. Tante Lies Tochter ist meine
Tante Pitha.
Die Schwester der beiden, meine (Groß-) Tante Lies, lebte
während des zweiten Weltkrieges in Groß Blumenau bei
Königsberg. Eine Wohnung in Berlin, wo ihr Mann, mein Onkel
Fritz, die Geheimwaffe V2 mitentwickelte, war nicht zu bekommen.
Oft reiste sie zu ihrer Schwester Martha nach Königsberg,
um ihr politische Witze zu erzählen. Am Telefon wäre
das zu gefährlich gewesen.
Meine Urgroßeltern kannte ich nicht, nur Geschichten hörte
ich von ihnen. Mein Urgroßvater 14 Martin Pudellek war
Postillon und spielte gerne und gut auf seinem Horn, wenn er
durch die Gegend juckelte. Eigentlich war ihm ja eine Ehrentrompete
versprochen, die er aber zu seiner Empörung nie erhielt.
Oft saß eine seiner Töchter neben ihm. Dann aber wurde
er, als er an einem Gasthof Pferde ein/ausspannte,von einem fremden
Pferd verletzt. Er erlitt einen Lungenriß, in dem sich
TBC ansiedelte. Schließlich, nach längerem Siechtum,
starb er am 9. 2. 1911 daran.
Eigentlich hätte er ja einen großen Bauernhof erben
können, aber er wurde enterbt, weil er meine Urgroßmutter,
ein uneheliches Kind, heiratete. Von seinem Pflichtteil kaufte
er sich dann Pferde und machte sich selbständig. -
Meine (Groß-)Tante Hella, seine Tochter, erzählte,
daß er ein lebenslustiger Mann gewesen sei, der am Sonntag
eine schwarze Kniehose, weiße Strümpfe, schwarze,
gewichste Lederschuhe, ein weißes Hemd und eine Weste angezogen
und seinen Schnurrbart gezwirbelt habe; dann ging er mit ihr
- sie war damals 13 oder 14 Jahre alt - tanzen.
Er war wohl ein manchmal leichtsinniger Mensch, der. "oft"
seine Arbeit wechselte und laut Oma mehrere Käfige mit Kanarienvögeln
hatte. Er spielte nicht nur auf verschiedenen Instrumenten, sondern
pfiff und sang auch mit seinen Vögeln.
Wie ich 2002 von meiner Tante Pitha, Tochter seiner Tochter Luise,
meiner Tante Lies gehört habe, hatte er wohl dichtes, welliges
Haar, ähnlich seinem Sohn Otto. Sein einziges Bild blieb
bei der Flucht in Blumenau? Otto war im Stahlhelm und wurde,
als er sich bei der Gleichschaltung weigerte, der SA? beizutreten,
eingekerkert. Die Familie sah ihn nie wieder, nicht einmal als
Leiche, sondern erhielt 1942? nur eine Todesnachricht. Seine
amerikanischen Nachkommen lernte ich bei Besuchen bei meinen
Großeltern in Frankfurt kennen. Dies waren Sieglinde (Lindchen)
und ihre Familie. Der Vater der Familie diente in der Amerikanischen
Armee in Frankfurt. Wir besuchten sie ein paar Male. Was mich
beeindruckte: er spielte Trompete, sie hatten eine große
Wohnung und einen großen Kühlschrank. Das heißt:
Ich habe ihn nie Trompete spielen hören, aber das Ding bewundert
habe ich schon.
Die Mutter hieß Linne (in Ostpreußen noch Lindchen),
die Töchter hießen Gracie und Diana Carol. Gut klang
das, fast wie "Dein Kerl". Ich glaube, zwei etwas ältere
Söhne gehörten auch zur Familie.
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li.: Meine Großmutter "Martl"
ca. 1914 mit ihrer Mutter, Konfirmation?
Mitte: wohl 1920 vor der Abstimmung darüber,
ob Masuren beim Reich bleiben dürte.
re.: Tante Lies, Oma, ihre Mutter Justine
Pudellek, und ihre Großmutter Christine, verh. Kischkel |
|
Ich meine eine Geschichten gekannt zu haben,
wie die Schwestern Pudellek im ersten Weltkrieg flohen. Außerdem
kenne ich Geschichten von Otto, ihrem Bruder. Er sprang einmal
mit zwei Regenschirmen als Fallschirm vom Dach eines Schuppens;
und natürlich klappten die Schirme um. Dies geschah in Lötzen,
und Pitha konnte zusehen. Natürlich klappten sie um und
er fiel runter. Dann kannte ich noch ich noch eine Ottchen-Geschichte
- sie bezieht sich auf den Sohn Ottos, wie er gegen Ende des
Krieges am Bahnhof von einem Soldaten angemacht wurde, wieso
er denn nicht kämpfe. Er antwortete, daß er die Kanonen
auch so durchaus gut genug hören könne.
Martl und Lies, meine Großmutter und -tante, zankten als
halbwüchsige Schwestern viel. Omi muß Tante Lies gegenüber
ziemlich viel angegeben haben, und wenn ihre Schwester sich schön
nannte, ging sie zu einem grade auf diese wartenden Jüngling
vor, und behauptete: Liese darf nicht kommen".
Meine Urgroßmutter 15 hieß Justine, sie wurde Justchen
genannt. Ihre Enkelinnen erhielten alle auch den Vornahmen Auguste
"nach ihr". Sie gebar 10 Kinder, von denen nur 8 lebend
zur Welt kamen und vier starben, bevor sie zwei Jahre alt waren.
Leben blieben Otto, Hella, Lies und Martel, meine Großmutter.
Von den Kindern der Eheleute Martin und Justine Pudellek sind
die 3 ältesten in Lötzen geboren (Anna 1886, Marie+Bertha
1889). Offenbar war die Familie erst danach nach Angerburg weggezogen
(Martin stammte aus dem Kreise Angerburg). Die beiden folgenden
Kinder (Fritz 1891, Otto 1893) sind in Angerburg geboren. Wieder
in Lötzen kamen danach Karoline Helene (Tante Hella) 1895,
Charlotte-Luise (Tante Lies) 1898, Ida Martha (Martl, meine Omi)
1902 (zwischen beiden letzteren war noch eine Fehlgeburt von
Zwillingen).
Meine Urgroßeltern lebten in Lötzen, also in Masuren.
Von meiner Großmutter habe ich gehört, daß sie
Masurisch sprachen, wenn die Kinder etwas nicht verstehen sollten.
Aber das meiste verstanden sie schon.
Nach Martin Pudelleks Tod hatte seine Witwe "Justchen"
1 Kuh und 1 Schwein; ihre Pension war eben sehr gering. Morgens
nahm ein Kuhhirt die Kuh mit; den Weg nach nach Hause am Nachmittag
fanden die Kühe alleine. Zu Omis Schulzeit hatte sie eine
Wiese gepachtet, und wenn sie Omi (Martha) vor der Schule weckte,
war ihr Rock naß, weil sie schon Graß gemacht hatte.
Als die Russen im ersten Weltkrieg in Masuren einfielen, wurde
Lötsen eingeschlossen, die Familie floh, bis die Schlacht
bei Tannenberg gewonnen war, und meine Urgroßmutter kochte,
als Lötzen belagert wurde, für die deutschen Truppen.
Seitdem war sie eine Respektsperson, und der Bürgermeister
grüßte sie, wenn er sie traf. Nach dem ersten Weltkrieg
kam die ganze Verwandtschaft nach Lötzen, um für den
Verbleib Masurens bei Deutschland zu stimmen. Ich besitze ein
Photo von der Versammlung der Familie, das wohl am Vortage aufgenommen
wurde.
Die Familie Pudellek hatte eine Etagenwohnung,
gemietet bei einer Bäckerfanilie in der Neuendorfer Straße,
neben einer Fleischerei, die meine Urgroßmutter aber noch
vor dem zweiten Weltkrieg aufgab. Sie hatte nur ein dunkles Zimmer
und war dann im Winter bei einer ihrer Töchter Lies oder
Martel. Nach dem Tode meines Urgroßvaters ging es ihr wirtschatlich
nämlich äußerst schlecht; und trotzdem ermöglichte
sie ihren Kinder solide Ausbildungen. Die drei ältesten
besuchten eine höhere Handelsschule, und meine Großmutter
Martha, die hierzu keine Lust hatte, machte eine Lehre im Einzelhandel
(Damenbekleidung) und heiratete früh. Die Flucht überlebte
meine Urgroßmutter noch, ohne sie zu begreifen. Noch nach
Kriegsende bewahrte sie in Walsrode die Hausschlüssel aus
Ostpreußen auf, weil sie meinte, irgendwann werde sie dorthin
zurückkönnen.
Nach Walsrode war sie im Februar 1945 mit
ihrer Tochter, meiner Tante Lies, und ihrer Enkelin, meiner Tante
Pitha geflohen. Im folgenden Monat kam dann auch meine Großmutter.
Sie (15) starb kurz darauf in Walsrode. Nachts weckte sie die
Familie und erklärte ihr, daß sie jetzt sterben werde.
Ihr war schlecht und schwindelig. Ich glaube, sie war schweißüberströmt.
Ihr Bett verließ sie nicht mehr. Trotz Sperrstunde - Deutschen
war es verboten, die Häuser zu verlassen - kamen meine Mutter
und Großmutter über die Straße von gegenüber,
wo sie Unterkunft gefunden hatten, in die Wohnung. Meine Mutter
wusch die Leiche, denn soetwas hatte sie, wie sie sagte, schon
oft genug getan. Ich habe einmal von Hannover aus versucht, ihr
gerade ablaufendes Grab zu besuchen, konnte es aber nicht finden. |

Justine "Justzchen" Pudellek
1944 |
Daß sie unehelich geboren war, diese
Geschichter wurde öfters erzählt. Ihr Vater (Rudolf
Danehl) 30 war der Sohn reicher Bauern aus Sucholasken, 31, ihre
Mutter Christine (Kasper), eine große, stolze Frau, war
Mamsell, so eine Art leitende Angestellte unter dem Personal
des Hofes. Immerhin schaffte diese dann, trotz ihres unehelichen
Kindes noch einen anderen Bauern (oder war es der Stellwerker
Martin Kischkel aus Wittminnen?) als Mann abzubekommen. Dabei
half wohl die Familie der reichen Hofeigentümers mit.
Von ihrem Mann bekam sie dann zwei Töchter, Karoline ("Line"),
die später Haushälterin bei einer Schneiderin wurde.
Wenn ich meine Aufzeichnungen richtig entziffere, verliebte die
sich, als eine andere Braut ein buntes Kleid anprobierte, in
deren Bräutigam Fritz Tiedemann, wohl Schmied im Samland.
Auch ihre Tochter Bertha war Haushälterin, in einem sehr
reichen Haushalt. Sie kochte gut und heiratete nicht.
War sie Tante Bettie, die ihre üppigen Brüste über
die Rückenlehne von Stühlen zu hängen pflegte,
die sie an den Tisch schieben wollte? Ging einfach besser so.
1914 wurde Christines Hof in Wittminnen bei Angerburg gesprengt,
weil er in der Schußlinie lag. Sie erhielt eine hohe Abfindung.
Nach dem Tode ihres Mannes lebte sie bis zu ihrem Tode 1923 in
Lötzen bei ihrer Tochter Justine.
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