Brunlein 1928

 Meine Mutter, 3 Brunhild ("Brunlein" nannte sich Barbara und wollte nicht Brumhilde heißen), geb. Vollmer, kam aus Königsberg, also aus Ostpreußen. Das war ihr auch wichtig, und wir hatten in Bonn lange einen Königsberger Stadtplan im Wohnzimmer an der Wand hängen. Auch hatte sie Kontakt zu alten Klassenkame- radinnen und einer alten Lehrerin.
Gerne ging sie in einem der zahlreichen ostpreußischen Seen baden, und es war wohl für damalige Verhältnisse etwas kitzlig, wo und wie man sich umziehen konnte. Zum Glück gab es am Ufer Schilf genug.

Wohl nach der Schule verstaute sie mit anderen "Arbeitsmaiden" Heu in einer Scheune, das von einem modernen Gebläse sehr gut hochgeblasen wurde. Vom Arbeitsdienst hat sie viel erzählt; leider weiß ich vieles nicht mehr.

 

... und 1938

Was ich schon noch zu wissen meine, ist, daß sie einige Zeit lang deutschen Verwundeten, die in Lazarettzügen in die Heimat gebracht wurden, bei Zwischenstops zu essen brachte.
Als das Donnern der russischen Kanonen zu laut wurde, wurden die Arbeitsmaiden, ziemlich in letzter Minute, aus dem Memelland nach Westen evakuiert. Nicht jedermann war der Meinung daß soetwas notwendig sei. So hörte sie etwa: "Im letzten Kriege habe ich meinen Frau mit der Kuh über den Russtrom (ein Memelarm) geschickt, vollkommen unnötigerweise. Diesmal werde ich klüger sein."

Zu Weihnachten kam sie dann nochmal in letzter Minute nach Ostpreußen zurück, das sie nur noch unter Schwierigkeiten verlassen konnte; der Zug kam kaum noch weiter und mußte ein Stück der Strecke sogar vor- und zurückfahren.
Ihre Kindheit verbrachte sie teilweise in Ponarth in der Nachbarschaft von Munitionsfabriken. Auch nach Tilsit zog die Familie, weil ihr Vater 6 Eugen Vollmer dort beim Zoll arbeitete. Dort auf der Memel wurde viel Holz geflöst. Auch Eugen Vollmers Schwager Fritz Zeeb arbeitete in Tilsit beim Zoll. Er war der Vater meiner (lange) Lieblingstante Pitha (Roswitha Weindel).Zur Zeit ihrer Geburt wohnte sie wie meine Mutter in der Barbarastraße in Ponarth; es mag sein, das meine Mutter hier auf die Idee gekommen ist, sich Barbara zu nennen. Wir besuchten die Familie Weindel oft in Frankfurt (Römerstadt), denn das war nicht allzuweit von meinen Großeltern, wo ich oft zu Besuch war.

 

 li: meine Mutter 1941 mit ihrer Cousine Roswitha Zeeb, wohl in Königsberg/Pr.

re: 1958 zur Taufe von "Pi- thas" ältestem Sohn Martin, v. re. Fritz & Lies Zeeb, Klaus & Roswitha Weindel, meine Eltern, li. & sitzend die Eltern Weindel.

Meine Mutter kannte ihre Cousine Pitha gut, sie waren befreundet, ja, fast eine Art Ersatzschwestern.


Beide waren Einzelkinder, sie wurde meine Patentante und wir haben noch heute, wo sie schon eine ganze Weile Großmutter ist, guten Kontakt miteinander. Ihre Kinder sind Martin, Constanze (verh. Spitz) und Tilmann. Beide Söhne sind Ärzte, Constanze ist Lehrerin und Tilmann spielt Bassgitarre. Der Name Pitha stammt von ihr selbst; Pitha nannten sie sich, als sie noch zu klein war, um Roswitha aussprechen zu können.
Zur Zeit von "Pithas" Geburt wohnten die Familien Vollmer, meine Großeltern, und die Familie Zeeb, mein Onkel Fritz und meine Tante Lies, in der Barbarastraße in Königsberg-Ponart, einem Industrievorort, der von Munitionsfabriken und einer Brauerei geprägt war..
Oft wohnten meine Mutter und ihre "Fastschwester" Pitha nahe beieinander; schließlich waren ihrer beider Väter Zöllner. Dies war sowohl in Königsberg als auch in Lötzen an der Memel der Fall, und nach dem Krieg einfach deshalb, weil ihre Mütter, die schließlich Schwestern waren, beide nach Walsrode geflüchtet waren.
Tante Pithas Eltern, mein Onkel Fritz und meine Tante Lies (Zeeb) zogen kurz nach Tante Pithas Geburt nach Raudzen bei, und ungefähr ein Jahr danach, direkt nachTilsit in in den selben Block, in dem auch meine Mutter wohnte. Diese besuchte hier die Grundschule und einige Jahre das Gymnasium, die Luisenschule. Zeebs zogen nach groß Blumenau und Onkel Fritz nacxh Berlin, wo er die V2 zu entwickeln half.
Ich erinnere mich an eine Geschichte, wo ein Tischler - ich weiß nicht einmal, ob von meinem Großvater oder seinem Schwager, meinem Onkel Fritz - davor gewarnt wurde, geschmuggelten Schnaps zu trinken. Daraufhin sagte er in schönstem Ostpreußisch etwa, zur Not könne er auch Beize trinken (wahrscheinlich war es keine Beize, sondern etwas wenigstens zur Not halbwegs Trinkbares). Meine Mutter machte den ostpreußischen Tonfall sehr gerne nach, wenn sie die Worte des Tischlers erzählte. Es war ein frecher Spruch...
Meine Mutter las schon während der Schulzeit viel und ging gerne ins Theater. Bisweilen ging ein junger Mann; ein Nachbar, Bekannter oder so mit und begleitete sie nach Hause. Sie u nterhielten sich so gut, daß sie ihn danach ebenfalls nach Hause brachte. Einmal wollte sie beim Rückweg vom Theater die Schuhe schonen, und zog sie aus. Leider war es Winter.
Aber auch über Rotz konnte meine Mutter eine sehr interessante Geschichte erzählen; und auch sie spielt im Winter. Der war in Ostpreußen lang und hart, was nicht nur die Voraussetzungen fürs Schlittschuhlaufen verbesserte.
Es war also Winter in Königsberg, und meine Mutter war auf dem Nachhauseweg von der Schule, als sie hörte und sah, wie ein Mann sich die Nase schneutzte. Zeit, um darauf zu achten, hatte sie genug; sie wollte eine Bahnlinie überqueren und mußte warten, weil die Schranke unten war; und siehe da: Der Rotz landete auf der Schranke und gefror.
Die Winter waren lang in Königsberg, meine Mutter konnte monatelang prüfen und sich vergewissern, daß der Rotz noch auf der Schranke klebte. Wochen und Monate fuhr sie mit ihrer Hand über die Schranke, um den Hubbel spüren zu können, von dem sie wußte: Das ist der Rotz. Diese Gelegenheit nutzte sie gerne, jeden Tag.

 Nach ihrem Abitur an der Hufenschule im Februar '44 war sie ab dem 15. 3 1944 beim RAD (Reichsarbeitsdienst) in Mädewals (genannt. Maidenwald) im Memelland. Nach dem Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte mußten die Maiden Ende August fliehen. Ein Lehrer dort meinte: Ich schicke nur, wie im ersten Weltkrieg, meine Frau über den Russtrom. Um nicht zum Kriegshilfdienst zu müssen, ging sie noch auf die Führerinnen- schule in Schloß Düsterthal (ehemal. Schloß der Hardenberg).
Von ihrer Flucht konnte sie auch so einiges erzählen, was passieren kann, wenn Frauen sich in schon - wenigstens vermeintlich - verlassenen Bauernhöfen waschen, und wie sie ein Stück aufauf einem Wehrmachtslastwagen mitge- nommen wurde, ein entgegenkommender, ich glaube, sie sagte englischer Panzer drehte ab, als seine Besatzung die Frauen auf dem Lastwagen entdeckte.

Hier füge ich mein Protokoll Mutti Flucht und Nachkrieg ein; das zugrunde liegende Gespräch führte ich kurz vor ihrem Tode mit ihr:
- Feb. 44 Abitur
- Ab 15. März RAD (Reichsarbeitsdient) in Mädewald bei Heydekrug (Memelland), genannt "Maidenwald". Die Bauern ließen nichts auf die Arbeitsmaiden kommen (Sie trinken nicht, sie rauchen nicht, sie lieben nicht, sie schreiben nur Feldpostbriefe). Außeneinsätze auf wechselnden Höfen.
- Aug. ´44; Nach dem Zusammenbruch der Heeresgruppe MitteVorwarnung, Kanonendonner von Weitem, 12 Std. Ernteeinsätze am Tag, z. Teil modernes Gerät (Gebläse). Eines Morgens Ende August Aufbruch, Gepäck in Wolldecken genäht, per Lastwagenj nach BHF Tilsit. Der Lehrer: Ich schicke wie im 1. Weltkrieg nur die Frau mit der Kuh über den Russtrom.
- Ins Lager Zande?-Belzig im südl. Brandenburg, fast Sachsen, ca. 3 Wochen bis Ende RAD-Pflichtzeit.
- Um nicht zum Kriegshilfsdienst (Flak oder Munitionsfabrik) zu müssen, auf die Führerinnenschule: 1 Monat Schloß Düsterthal ??? (ehem. Schloß der Hardenberg), Anf. Okt. - Anf. Dez. ´44, guter Kurs in Hauswirtschaft.
- Nochmal trotz drohender Vorzeichen 3 Wochen in ein Lager bei Königsberg (Weihnachten zuhause), zuletzt in Domnau.
- Ca. 20. Jan. vom Bahnhof, wo Mutti wegen eines Besuches bei einer befreundeten Lagerführerin war, ausgerufen und zurück: Abmarschbefehl. 10 Tage im Zug hin und her, 30. Jan. Ankunft in Uckermünde.
- In der Lüneburger Heide Feb. ´45 in andere Lager reingestopft, erst bei Uelzen bis März, bei Salzwedel 2 - 3 Wochen. Andere Mädchen "laufen zu den Ostpreußen über", Soldaten drängen auf Lagerauflösung, also Lebensmittel verteilt.
- Auf Wehrmachtslastwagen Anf. Apr. Nach Melldorf in Süder - Dithmarschen zur Familie einer befreundeten Führerin.
- 2 - 3 Monate ins Hospital Schafstett, erst putzen, dann KZ - Jüdinnen aus der bombardierten Arcona (Schiff) pflegen. Oma kommt. Als Bienenkorb-Begleiterin über den Kanal.
- Walsrode 2 J Aug / Sept ´45 - ´47. Oma seit Frühj. ´45 Tante Lies auch da, Opa seit Frühj. ´46 da.
- Nordhorn / Ffm Arbeit bei KreisVw. Grafsch. Bentheim, Disk. mit Engländern, Gem. Chor, trinken /spucken.
- (Groß)Eltern ? Wiesbaden ´51 / ´52, Arbeit beim Zoll
Beeindruckt war sie, als sie hörte, daß der Krieg vorüber sei. Ich glaube, da saß sie auf einer Wiese und sie hörte es aus dem Radio. "Unglaublich", so ähnlich dachte sie, "Nun ist der Krieg vorbei. Jetzt wird nicht mehr geschossen, und niemand stirbt mehr." Dies erschien ihr unvorstellbar.
Aufgrund der Uniform, die sie trug?, wurde sie von den Engländern gefangengenommen - schließlich war sie auf der Führerinnenschule gewesen - und in das Lager Heide (Holsten) gebracht, wo sie TBC-Kranke und Jüdinnen pflegte, deren Schiff von den Alliierten in der Ostsee versenkt worden war. Schließlich wollte sie ja Ärztin werden, und hatte bis da nur verwundete Soldaten versorgt, deren Züge gerade in Königsberg gehalten hatten. Sie pflegte auch die Frau eines Königsberger Arztes.
Das Lager Heide war sehr groß; es umfaßte etliche Dörfer, sodaß die Zivilisten, die dort wohnten, mitgefangen waren. Der Stacheldrat ging um sie alle herum.
Doch schließlich wurde sie von ihrer Mutter gefunden und nach Walsrode mitgenommen, was schon wegen des Nord-Ostsee Kanales, der eigentlich von Deutschen nicht überquert werden durfte, (das Land nördlich des Kanales war nicht besetzt) nicht einfach war. Tante Lies half Omi suchen; wochenlang brauchten die beiden Frauen dafür, und mußten teilwiese viele Kilometer weit gehen dazu. Über den Kanal schafften sie es als angebliche Bienenkorb-Begleiterinen.
Nach Walsrode, wohin sie ihre Mutter mitgenommen hatte, und wo ihre Mutter und Tante Lies seit dem Frühjahr '45 lebten, kam ihr Vater Frühjahr '46 aus US-Gefangenschaft. Daß er überhaupt zurückkommen würde, war da schon klar; schließlich hatte es seine Familie aus Postkarten erfahren, oder sie hatte sogar einen Brief von der Wehrmacht erhalten.
Er bekam sehr früh wieder eine Arbeit als Zöllner, in Nordhorn, da er nie in der Partei gewesen und als ¼- Jude diskriminiert worden war. Meine Mutter arbeitete in Nordhorn für die Kreisverwaltung und hatte damit auch oft mit der Besatzungsmacht England zu tun. Sie bekam, so glaube ich, dabei Lust, Jura zu studieren, was sie später in Frankfurt tat. Den Engländern gab sie bei Diskussionen im Rahmen der "reeducation" Widerworte. Die Einheimischen konnten sich mit dem Besatzern einfacher und erfolgreicher verständigen: Sie sprachen Platt mit ihnen. Meine Mutter soff bisweilen bis zum Spucken. Ich glaube, in Nordhorn kauften ihre Eltern die ersten Möbel, z. B. einen Wohnzimmerschrank, ein Meisterstück, das ich heute noch besitze und als Bücherschrank nutze.

meine Eltern (re.) mit Motorroller ca. ´52

 Sie liebte Frankreich und fuhr auch hierhin. Im Zusammenhang mit einer Frankreichreise, bei der sie meine Tante Nora kennenlernte, und durch derenVermittlung - Nora, die erste Frau meines Onkels Wolfgang Gruner, lud sie, und "ganz zufällig" auch den Bruder von Wolfgang, zum Essen ein - lernte sie dann 2 meinen Vater kennen; der wohl bis dahin meist hinter seinen Büchern gehockt hatte. Meine Eltern wurden schlichtweg "verkuppelt".

So nötig wie angeblich mein Vater hätte sie das wohl nicht gehabt. Wie ich hörte, war sie geflegt, sehr gut gekleidet und hatte genug Verehrer. Überigens gab sie dann ihre juristische Ausbildung nach dem ersten Staatsexamen auf und arbeitete, damit wenigstens einer verdiente und mein Vater sein Studium schnell und problemlos abschließen konnte.

Studiert hatte sie in Frankfurt, wie auch ihre Cousine, meine Tante Pitha. Diese studierte von 1951-1954 in Frankfurt an der Modeschule Modegrafik und machte ihr Diplom, und dann zeichnete sie, weil sie keine Arbeit fand, Trickfilme. Ihren späteren Mann, meinen Onkel Klaus, lernte sie als Statistin an den Städtischen Bühnen Frankfurt kennen.

Neben ihrem Studium arbeiten mußte aber auch meine Mutter, während des Semesters z. B. über den Studentenschnelldienst in der Frankfurter Messe, und während der Semesterferien bei der Kreisverwaltung Nordhorn. Später tippte sie für einen Verlag (Merian?) und arbeitete wohl auch für das Frankfurter Senkenbergmuseum, dessen Hefte "Natur und Museum" sie bis an ihr Lebensende bezog.

 In Bonn war meine Mutter als Presbyterin aktiv und sollte wohl für eine bundesweite Kirchenfunktion aufgebaut werden, was sie dann aus gesundheitlichen, mir nicht so ganz erfindlichen Gründen doch nicht machte. Jedenfalls fuhr sie oft zu Kirchentagen in Ostberlin. Außerdem war sie ein paar Jahre Schöffin.
Nach dem Tode meines Vaters fuhr sie noch nach Südfrankreich in Urlaub, dann wurde sie krank; sie bekam einen Hirntumor.
Ich fuhr sie zu meiner Schwester Susanne nach Gravenbruch (bei Frankfurt), die sie - Ärztin, die sie ist - besser pflegen konnte, als ich das gekonnt hätte. Bald war sie nur noch im Rollstuhl mobil. Sie starb, als gerade niemand im Hause war.
Meine Tante Pitha meinte jetzt, im Herbst 1996, sie vermisse sie oft, so, wie sie eine Schwester vermissen würde. Auch hätten meine Eltern wirklich immer eine vorzügliche Ehe geführt.

Meine Mutter ca. 1972 im Wohnzimmer. Die ganze Wohnung war voller Bücher.

Meine Urgroßeltern Vollmer, und mein Großvater ~ 1893 & ~1897, hier schon in Uniform

 Wenige Monate nach dem Tode meiner Mutter wurde dann Nicolai geboren, aber das erlebte sie nicht mehr; genausowenig wie ihre Eltern. Mein Großvater 6 Eugen Vollmer war nun schon lange tot und hatte selbst Claudia nie kennengelernt.
Über seine Familie wußte und weiß ich wenig, nur das, daß er aus Berlin kam, Verwandte eine Tischlerei oder Schreinerei hatten und daß er als Kind im Berliner Militärwaisenhaus lebte. Hier gab es einmal im Jahr eine Art Parade oder Vorführung der Waisen für Mitglieder der Kaiserfamilie, die das Waisenhaus besuchten und den Waisen etwas Leckeres zum Essen mitbrachten. Wir waren einmal in Ferien an der Ostsee, als eine Kaisertochter ihre Bücher in einem Buchladen vorstellte. Meine Mutter sprach sie auf die Besuche im Militärwaisenhaus an und die Kaisertochter lachte und meinte, daran könne sie sich gut erinnern. Die beiden unterhielten sich ein paar Minuten, und noch heute habe ich das signierte Buch.
Auch von einer Tanteaus seiner Verwandtschaft, ich glaube, sie hieß Bettie, habe ich gehört. Vor allem von ihren großen Brüsten, die sie über die Stuhllehne hängte, wenn sie den Stuhl an den Tisch heran schieben wollte.

Ich glaube, daß eine Geschichte erzählt wurde, die Familie sei ursprünglich aus Österreich gekommen, aber vor langer Zeit wegen ihrer Konfession von dort vertrieben worden.

< Szene im Militärwaisenhaus (Ausschnitt), Opa wo?

Inzwischen habe ich von meiner Tante Pitha erfahren, daß mein Großvater selbst dann, wenn er gewollt hätte, nicht in die NSDAP hätte eintreten können: Er war 1/4-Jude, über seinen Großvater Lindemann. Was ich auch von ihr erfahren habe, ist, daß die Vamilie Vollmer gut angesehen war, und daß mein Großvater im Waisenhaus viel zu leiden hatte. Er wurde geschlagen und bekam zuwenig zu essen. Seine Mutter wollte ihn eigentlich aus der Anstalt heraus zu sich nehnmen, doch die Familie verhinderte dies.
Er wurde zum Feuerwerker ausgebildet (wohl nur bis zu einem ersten Examen, sodaß er später nicht so, wie sein Schwager Fritz, als Ingenieur arbeiten konnte), war wohl auch, wie dieser, im 100.000-Mann-Heer.und danach Zöllner, deswegen arbeitete er viel später auch in der OFD Frankfurt, traf sich aber auch noch mit Feuerwerkern in einem Verein, dessen Gründung er angeregt hatte. In Königsberg, in Ponarth arbeitete er auch als Feuerwerker. Tilsit, wo die Familie(n) ein paar Jahre lang lebte(n), lag ja immerhin an der Grenze. Hier arbeiteted er als Zöllner.

 6 war also Beamter, und deshalb wurde zur Bekämpfung der Inflation sein Gehalt vermindert (ich habe daran ja schon oft gedacht, und gerade jetzt kommt mir dazu der Ausdruck "Brüningsche Notverordnung" in den Sinn.) Damals war Eugen Vollmer noch beim Heer. Ein paar Jahre später, als er dann bei Zoll war und hier ein normales Gehalt bezog, waren die Nazis an der Macht, jede Beförderung war ihm verwehrt, weil er nicht Parteimitglied war. Er wollte oder konnte sogar auch nicht hinein, die Familie Vollmer mußte lange mit einem ziemlich bescheidenen Einkommen auskommen.
Wo mein Großvater jedoch hineinmußte, das war im zweiten Weltkrieg die Wehrmacht. Er diente in Frankreich, ich glaube in Paris als Besatzungssoldat - der allerjüngste war er da ja schon nicht mehr, und ich habe nie von Kämpfen gehört, an denen er teilgenommen hätte. Nach der Invasion der Aliierten jedoch wurde er schon nach Kämpfen von den Amerikanern, gefangengenommen. Er kam so rund und dick nach Walsrode, wie er nie vor- oder nacher aussah. Unvorstellbar für die Familie, die schwer hungern mußte.

Leider kann ich keine weiteren Angaben machen. Na klar, ich weiß, er arbeite lange in der Oberfinanzdirektion in Frankfurt, und ich habe versucht, seine wichtigsten Personalakten wenigstens als Kopie zu erhalten. Aber leider waren diese Akten schon vernichtet; wäre ich nie drauf gekommen. Opa Frankeichr ca. 1943, in der Mitte >


Meine Großmutter ging jedenfalls einmal im ostpreußischen Winter barfuß vom Tanz nach Hause, um ihre Schuhe zu schonen. Einmal hat sie aus Versehen Geld verheizt, oder befürchtete jedenfalls, dies getan zu haben. Ähnlich ging es ihr im zweiten Weltkrieg mit Kleiderkarten; zum Glück waren die dann doch zu finden.

 Meine Großeltern 6 u. 7 tanzten gerne, jedenfalls als sie noch in Ostpreußen wohnten. 7 nahm ihren Büroschlüssel, ich glaube, von der Stadtverwaltung Königsberg, mit auf die Flucht.. Sie, Martha, geb. Pudellek, kam aus Lötzen. Sie hatte zwei Schwestern, meine (Groß-) tanten Hella und Lies, sowie einen Bruder Otto, von dem ich nur gehört habe. Nach ihrer Flucht und dem Leben in Nordhorn und Walsrode lebten sie bis zum Tode meines Großvaters in Frankfurt nahe der OFD (Oberfinanzdirektion). Die war vom Balkon ihrer Wohnung in der Malapertstr. 22 aus gut zu sehen. Wie oft waren Susanne und ich dort zu Besuch! Danach zog meine Oma in die Mittelstraße in Bonn-Bad Godesberg. Hier starb sie auch, ein T-Shirt von mir, das sie zum Trocknen aufhängen wollte, in der Hand.

Meine Großeltern Eugen & Martha Vollmer ca. 1972
 

Ich sah sie noch auf einem Sessel im Wohnzimmer "sitzend". Ihre Möbel verkaufte ich großteils; nur ihren Wohnzimmer- schrank benutze ich noch. Ihre Wohnung mußte ja leer werden, und ich konnte jede Mark gut gebrauchen.
Tante Hella ging früh in den Westen und hatte meine Tante Gisela als Tochter. Diese hatte zwei Kinder, die ich kannte, und die beide nicht mehr leben. Tante Lies Tochter ist meine Tante Pitha.
Die Schwester der beiden, meine (Groß-) Tante Lies, lebte während des zweiten Weltkrieges in Groß Blumenau bei Königsberg. Eine Wohnung in Berlin, wo ihr Mann, mein Onkel Fritz, die Geheimwaffe V2 mitentwickelte, war nicht zu bekommen. Oft reiste sie zu ihrer Schwester Martha nach Königsberg, um ihr politische Witze zu erzählen. Am Telefon wäre das zu gefährlich gewesen.
Meine Urgroßeltern kannte ich nicht, nur Geschichten hörte ich von ihnen. Mein Urgroßvater 14 Martin Pudellek war Postillon und spielte gerne und gut auf seinem Horn, wenn er durch die Gegend juckelte. Eigentlich war ihm ja eine Ehrentrompete versprochen, die er aber zu seiner Empörung nie erhielt. Oft saß eine seiner Töchter neben ihm. Dann aber wurde er, als er an einem Gasthof Pferde ein/ausspannte,von einem fremden Pferd verletzt. Er erlitt einen Lungenriß, in dem sich TBC ansiedelte. Schließlich, nach längerem Siechtum, starb er am 9. 2. 1911 daran.
Eigentlich hätte er ja einen großen Bauernhof erben können, aber er wurde enterbt, weil er meine Urgroßmutter, ein uneheliches Kind, heiratete. Von seinem Pflichtteil kaufte er sich dann Pferde und machte sich selbständig. -
Meine (Groß-)Tante Hella, seine Tochter, erzählte, daß er ein lebenslustiger Mann gewesen sei, der am Sonntag eine schwarze Kniehose, weiße Strümpfe, schwarze, gewichste Lederschuhe, ein weißes Hemd und eine Weste angezogen und seinen Schnurrbart gezwirbelt habe; dann ging er mit ihr - sie war damals 13 oder 14 Jahre alt - tanzen.
Er war wohl ein manchmal leichtsinniger Mensch, der. "oft" seine Arbeit wechselte und laut Oma mehrere Käfige mit Kanarienvögeln hatte. Er spielte nicht nur auf verschiedenen Instrumenten, sondern pfiff und sang auch mit seinen Vögeln.
Wie ich 2002 von meiner Tante Pitha, Tochter seiner Tochter Luise, meiner Tante Lies gehört habe, hatte er wohl dichtes, welliges Haar, ähnlich seinem Sohn Otto. Sein einziges Bild blieb bei der Flucht in Blumenau? Otto war im Stahlhelm und wurde, als er sich bei der Gleichschaltung weigerte, der SA? beizutreten, eingekerkert. Die Familie sah ihn nie wieder, nicht einmal als Leiche, sondern erhielt 1942? nur eine Todesnachricht. Seine amerikanischen Nachkommen lernte ich bei Besuchen bei meinen Großeltern in Frankfurt kennen. Dies waren Sieglinde (Lindchen) und ihre Familie. Der Vater der Familie diente in der Amerikanischen Armee in Frankfurt. Wir besuchten sie ein paar Male. Was mich beeindruckte: er spielte Trompete, sie hatten eine große Wohnung und einen großen Kühlschrank. Das heißt: Ich habe ihn nie Trompete spielen hören, aber das Ding bewundert habe ich schon.
Die Mutter hieß Linne (in Ostpreußen noch Lindchen), die Töchter hießen Gracie und Diana Carol. Gut klang das, fast wie "Dein Kerl". Ich glaube, zwei etwas ältere Söhne gehörten auch zur Familie.

li.: Meine Großmutter "Martl" ca. 1914 mit ihrer Mutter, Konfirmation?

Mitte: wohl 1920 vor der Abstimmung darüber, ob Masuren beim Reich bleiben dürte.

re.: Tante Lies, Oma, ihre Mutter Justine Pudellek, und ihre Großmutter Christine, verh. Kischkel

Ich meine eine Geschichten gekannt zu haben, wie die Schwestern Pudellek im ersten Weltkrieg flohen. Außerdem kenne ich Geschichten von Otto, ihrem Bruder. Er sprang einmal mit zwei Regenschirmen als Fallschirm vom Dach eines Schuppens; und natürlich klappten die Schirme um. Dies geschah in Lötzen, und Pitha konnte zusehen. Natürlich klappten sie um und er fiel runter. Dann kannte ich noch ich noch eine Ottchen-Geschichte - sie bezieht sich auf den Sohn Ottos, wie er gegen Ende des Krieges am Bahnhof von einem Soldaten angemacht wurde, wieso er denn nicht kämpfe. Er antwortete, daß er die Kanonen auch so durchaus gut genug hören könne.
Martl und Lies, meine Großmutter und -tante, zankten als halbwüchsige Schwestern viel. Omi muß Tante Lies gegenüber ziemlich viel angegeben haben, und wenn ihre Schwester sich schön nannte, ging sie zu einem grade auf diese wartenden Jüngling vor, und behauptete: Liese darf nicht kommen".
Meine Urgroßmutter 15 hieß Justine, sie wurde Justchen genannt. Ihre Enkelinnen erhielten alle auch den Vornahmen Auguste "nach ihr". Sie gebar 10 Kinder, von denen nur 8 lebend zur Welt kamen und vier starben, bevor sie zwei Jahre alt waren. Leben blieben Otto, Hella, Lies und Martel, meine Großmutter.
Von den Kindern der Eheleute Martin und Justine Pudellek sind die 3 ältesten in Lötzen geboren (Anna 1886, Marie+Bertha 1889). Offenbar war die Familie erst danach nach Angerburg weggezogen (Martin stammte aus dem Kreise Angerburg). Die beiden folgenden Kinder (Fritz 1891, Otto 1893) sind in Angerburg geboren. Wieder in Lötzen kamen danach Karoline Helene (Tante Hella) 1895, Charlotte-Luise (Tante Lies) 1898, Ida Martha (Martl, meine Omi) 1902 (zwischen beiden letzteren war noch eine Fehlgeburt von Zwillingen).
Meine Urgroßeltern lebten in Lötzen, also in Masuren. Von meiner Großmutter habe ich gehört, daß sie Masurisch sprachen, wenn die Kinder etwas nicht verstehen sollten. Aber das meiste verstanden sie schon.
Nach Martin Pudelleks Tod hatte seine Witwe "Justchen" 1 Kuh und 1 Schwein; ihre Pension war eben sehr gering. Morgens nahm ein Kuhhirt die Kuh mit; den Weg nach nach Hause am Nachmittag fanden die Kühe alleine. Zu Omis Schulzeit hatte sie eine Wiese gepachtet, und wenn sie Omi (Martha) vor der Schule weckte, war ihr Rock naß, weil sie schon Graß gemacht hatte.
Als die Russen im ersten Weltkrieg in Masuren einfielen, wurde Lötsen eingeschlossen, die Familie floh, bis die Schlacht bei Tannenberg gewonnen war, und meine Urgroßmutter kochte, als Lötzen belagert wurde, für die deutschen Truppen. Seitdem war sie eine Respektsperson, und der Bürgermeister grüßte sie, wenn er sie traf. Nach dem ersten Weltkrieg kam die ganze Verwandtschaft nach Lötzen, um für den Verbleib Masurens bei Deutschland zu stimmen. Ich besitze ein Photo von der Versammlung der Familie, das wohl am Vortage aufgenommen wurde.

Die Familie Pudellek hatte eine Etagenwohnung, gemietet bei einer Bäckerfanilie in der Neuendorfer Straße, neben einer Fleischerei, die meine Urgroßmutter aber noch vor dem zweiten Weltkrieg aufgab. Sie hatte nur ein dunkles Zimmer und war dann im Winter bei einer ihrer Töchter Lies oder Martel. Nach dem Tode meines Urgroßvaters ging es ihr wirtschatlich nämlich äußerst schlecht; und trotzdem ermöglichte sie ihren Kinder solide Ausbildungen. Die drei ältesten besuchten eine höhere Handelsschule, und meine Großmutter Martha, die hierzu keine Lust hatte, machte eine Lehre im Einzelhandel (Damenbekleidung) und heiratete früh. Die Flucht überlebte meine Urgroßmutter noch, ohne sie zu begreifen. Noch nach Kriegsende bewahrte sie in Walsrode die Hausschlüssel aus Ostpreußen auf, weil sie meinte, irgendwann werde sie dorthin zurückkönnen. 

Nach Walsrode war sie im Februar 1945 mit ihrer Tochter, meiner Tante Lies, und ihrer Enkelin, meiner Tante Pitha geflohen. Im folgenden Monat kam dann auch meine Großmutter. Sie (15) starb kurz darauf in Walsrode. Nachts weckte sie die Familie und erklärte ihr, daß sie jetzt sterben werde. Ihr war schlecht und schwindelig. Ich glaube, sie war schweißüberströmt. Ihr Bett verließ sie nicht mehr. Trotz Sperrstunde - Deutschen war es verboten, die Häuser zu verlassen - kamen meine Mutter und Großmutter über die Straße von gegenüber, wo sie Unterkunft gefunden hatten, in die Wohnung. Meine Mutter wusch die Leiche, denn soetwas hatte sie, wie sie sagte, schon oft genug getan. Ich habe einmal von Hannover aus versucht, ihr gerade ablaufendes Grab zu besuchen, konnte es aber nicht finden.

 

Justine "Justzchen" Pudellek 1944

Daß sie unehelich geboren war, diese Geschichter wurde öfters erzählt. Ihr Vater (Rudolf Danehl) 30 war der Sohn reicher Bauern aus Sucholasken, 31, ihre Mutter Christine (Kasper), eine große, stolze Frau, war Mamsell, so eine Art leitende Angestellte unter dem Personal des Hofes. Immerhin schaffte diese dann, trotz ihres unehelichen Kindes noch einen anderen Bauern (oder war es der Stellwerker Martin Kischkel aus Wittminnen?) als Mann abzubekommen. Dabei half wohl die Familie der reichen Hofeigentümers mit.
Von ihrem Mann bekam sie dann zwei Töchter, Karoline ("Line"), die später Haushälterin bei einer Schneiderin wurde. Wenn ich meine Aufzeichnungen richtig entziffere, verliebte die sich, als eine andere Braut ein buntes Kleid anprobierte, in deren Bräutigam Fritz Tiedemann, wohl Schmied im Samland. Auch ihre Tochter Bertha war Haushälterin, in einem sehr reichen Haushalt. Sie kochte gut und heiratete nicht.
War sie Tante Bettie, die ihre üppigen Brüste über die Rückenlehne von Stühlen zu hängen pflegte, die sie an den Tisch schieben wollte? Ging einfach besser so.
1914 wurde Christines Hof in Wittminnen bei Angerburg gesprengt, weil er in der Schußlinie lag. Sie erhielt eine hohe Abfindung. Nach dem Tode ihres Mannes lebte sie bis zu ihrem Tode 1923 in Lötzen bei ihrer Tochter Justine.

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